22.05.2020 - 04.06.2020
Caramel und Spritzbeton
(Caramel and shotcrete)
Gisela Stiegler
Part of the exhibition series:
"Unter Vorbehalt"

 

Caramel and shotcrete

The question is: is it really so heavy this world that it needs to be sustained like this? Does it need this much strength? These volumes? Is it even art that can save this world? And then especially: will they last, these columns of caramel, shotcrete and cured foam? Can they give confidence and courage? Can we lean on them and be confident?

 

At first, it is astonishment. You look around. A small room with a low ceiling, three colossal column shafts, huge pins on the way through a multi-storey house.

Spick and span. Perfect geometric bodies with outer and inner rings, smooth on the surface and yet different. As rough as shotcrete, as sticky as heated caramel, smooth in between, chalky white freshly plastered. All unharmed in their surface. Clear and easy to read. Symbols of reason. No trace of paint.

 

And then - spatially in between, temporally before - the other side. The " wounded" bodies. Creased and cut open, chopped out with a knife. Red and green as well, and blue and brown. More ducked than standing upright. There is nothing clear. Neither the large form nor the small. It's about new things, about volumes never seen before, whose surfaces have been exposed; about defenselessness, about need and danger.

 

Here - in the colored, riddled, amorphous formations - one possibility of being is discussed: the bulbous, open, sensitive one, the non-rational, as there - in the unambiguous, powerful, purposeful bodies the other: the head-determined, compact, mechanical, guided by reason.

 

It is these two contrary intentions, which define the principle of life but also explain it, that characterise Gisela Stiegler's artistic work, and which show that she has - consciously or unconsciously - reached the core artistic themes. To find a current, valid expression of the dualistic principle that defines all forms of existence. It is the yes and the no, the light and the dark, the zero and the one, the fear and the joy, it is the contrasts that shape and define being. And it is the art, this continuity of creation, which wants to explain this to us tirelessly.

 

(Translation of the original German text "Caramel und Spritzbeton" by Herbert Giese)

-German Version-

Caramel und Spritzbeton 

Die Frage ist: ist sie wirklich so schwer diese Welt, dass sie so gestützt werden muss? Braucht es diese Kraft? Diese Volumina? Ist es überhaupt die Kunst, die diese Welt retten kann? Und dann ganz besonders: werden sie halten, diese Säulen aus Caramel und Spritzbeton und hart gewordenem Schaum? Können Sie Mut geben und Vertrauen? Können wir uns anschmiegen an sie und zuversichtlich sein?

Zuerst ist es Verblüffung. Man sieht sich um. Ein kleiner Raum mit niederer Decke, drei gewaltige Säulenschäfte, riesige Nieten am Weg durch ein vielstöckiges Haus.

Wie aus dem Ei gepellt. Perfekte geometrische Körper mit Außen- und Innenringen, ebenmäßig in der Oberfläche und doch unterschiedlich. Rau wie Spritzbeton, klebrig rinnend wie erhitztes Caramel, glatt dazwischen, kalkweiß frisch verputzt. Allesamt unverletzt in ihrer Oberfläche. Klar und lesbar. Symbole der Vernunft. Von Farbe keine Spur.

Und dann - räumlich dazwischen, zeitlich davor - die andere Seite. Die „verletzten“ Körper. Gefurcht, aufgeschnitten, mit dem Messer herausgehackt. Rot und Grün auch und Blau und Braun. Mehr hingeduckt als aufrecht stehend. Da ist nichts eindeutig. Die große Form nicht und nicht die kleine. Da geht es um Neues, um noch nie gesehene Volumina, deren Oberflächen bloßgelegt wurden; um Schutzlosigkeit, um Bedürftigkeit und Gefährdung.

Hier – in den färbigen, durchfurchten, amorphen Gebilden – wird die eine Möglichkeit des Seins erörtert: die bauchige, offene, empfindsame, die nicht rationale, so wie dort – in den eindeutigen, mächtigen, zielgerichteten Körpern die andere: die kopfbestimmte, kompakte, mechanische, von der Vernunft geleitete. 

Es sind diese zwei gegensätzlichen, das Prinzip Leben bestimmenden aber auch erklärenden Wollen, die die künstlerische Arbeit Gisela Stieglers prägen, die ihre Arbeit auszeichnen und die zeigen, dass sie - bewusst oder unbewusst – zu den künstlerischen Kernthemen durchgedrungen ist. Eine gültige, heutige Formulierung des alle Formen des Seins bestimmenden dualistischen Prinzips zu finden. Es sind das Ja und das Nein, das Hell und das Dunkel, die Null und die Eins, die Angst und die Freude, es sind die Gegensätze, die das Sein gestalten und bestimmen. Und es ist die Kunst, diese Fortsetzug der Schöpfung, die uns das - seit jeher unermüdlich - erklären will.

 

Text: Herbert Giese

Schleifmühlgasse 13  - 1040 Wien

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